Arbeitssicherheit digital: iBeacons machen den Umgang mit Gefahrstoffen sicherer

Ein Muster der Digitalen Transformation ist quer durch alle Unternehmen und Branchen immer wieder zu erkennen: Aus einst komplexen Prozessen mit Medienbrüchen und permanenter manueller Arbeit werden durchgängige Abläufe, die sich automatisch an individuelle Situationen anpassen können. So bieten Ansätze wie Virtualisierung oder Microsegmentierung Unternehmen ganz neue Möglichkeiten, ihre IT-Sicherheit zu verbessern.

Dieses grundlegende Konzept lässt sich auch auf den Umgang mit Gefahrstoffen übertragen. In vielen Unternehmen dominieren noch klassische, teils papiergebundene Vorgänge. Dabei können die Verantwortlichen mit digitalen Lösungen die Sicherheit von Arbeitnehmern verbessern und gleichzeitig ihren Informations- und Schulungspflichten einfacher nachkommen. Mithilfe moderner Technologien wie iBeacons können Unternehmen, gerade in der chemischen Industrie, bessere und ausgewogenere Arbeitssicherheitskonzepte erstellen und auch umsetzen. Dazu ist es notwendig ein integriertes System aufzubauen, das auf die konkrete Situation und den einzelnen Mitarbeiter abgestimmt genau die richtigen Informationen zur Verfügung stellt.

Ein Thema, das viele betrifft

Für 15 Prozent der Arbeitnehmer in der EU gehört der Umgang mit Gefahrstoffen zu ihrer tagtäglichen Arbeit. Hinzu kommen weitere 15 Prozent, die während der Arbeit Rauch, Abgasen, Pulver oder Staub ausgesetzt sind. Entsprechend bedeutsam ist dieses Thema. Denn der unsachgemäße Umgang mit Gefahrstoffen kann gesundheitliche Probleme zur Folge haben, von der leichten Hautreizung bis hin zu schwerwiegenden Erkrankungen. Verantwortlich für den richtigen Umgang und die korrekte Handhabung solcher Stoffe ist der Arbeitgeber. Unternehmen müssen sicherstellen, dass sie in den Produktionsabläufen die gesetzlichen Bestimmungen einhalten, Mitarbeiter entsprechend schulen und sie über Veränderungen zeitnah informieren.

Grundlage dafür sind die Sicherheitsdatenblätter, die Hersteller von Gefahrstoffen zur Verfügung stellen. Diese Datenblätter beschreiben das Gefährdungspotenzial und erläutern die erforderlichen Maßnahmen für den richtigen Umgang. Das Unternehmen, das einen Stoff einsetzt, muss auf dieser Basis sogenannte Gefährdungsbeurteilungen schreiben. Es muss sicherstellen, dass die Mitarbeiter wissen, wie sie sich zu schützen haben. Das kann bei ein- und demselben Stoff in Abhängigkeit vom Einsatzort oder Produktionsphase variieren. Änderungen in den gesetzlichen Rahmenbedingungen oder neue Erkenntnisse machen die regelmäßige Aktualisierung der Unterlagen notwendig und somit die damit verbundene erneute Schulung von Mitarbeitern.

Hinter dem Umgang mit Gefahrstoffen steht für viele Unternehmen ein komplexer Prozess. Einerseits gilt es, die Daten, die der Hersteller in Form der Sicherheitsdatenblätter zur Verfügung stellt, in hauseigenen Datenbanken zu erfassen. Schon dies ist häufig eine Herausforderung: entsprechende Vorlagen sind wenig strukturiert und werden teilweise noch in Papierform übermittelt. Arbeitgeber müssen zudem dafür Sorge tragen, dass sie ihre Mitarbeiter umfassend schulen und dieses Wissen bei Bedarf auffrischen beziehungsweise aktualisieren. Gerade unterschiedliche Kenntnisstände in größeren Teams machen es für Unternehmen schwierig, ein durchgängiges Schulungskonzept zu etablieren und umzusetzen. Hier setzt die Idee eines auf iBeacon-Technologie aufgebauten Arbeitssicherheitskonzeptes an. Ziel ist es, das notwendige Wissen über Gefahrstoffe der richtigen Person zur richtigen Zeit zu vermitteln.

Das Mittel der Wahl

Ein Ansatz, um die Sicherheit für Arbeitnehmer mit digitalen Mitteln zu verbessern, ist das sogenannte iWorkSafety-Konzept. Die technischen Grundlagen des sensorbasierten Informationssystems sind denkbar einfach: In einem Raum werden kleine Sender (Beacons) als Signalgeber platziert, die in festen Zeitintervallen Signale senden. Kommt ein Empfänger, beispielsweise ein Smartphone mit einer entsprechenden App, die für den Empfang dieser Signale konfiguriert ist, in die Reichweite eines Senders, kann die Anwendung den Sender identifizieren. Abhängig vom berechneten Standort kann das System dann gezielt kontextbezogene Informationen auf dem Endgerät anzeigen. So kann iWorkSafety Mitarbeiter durch das Unternehmen leiten und ohne jeglichen Zeitverlust auf besondere Gegebenheiten oder Gefahren aufmerksam machen.

Zwei Eigenschaften prädestinieren das iBeacon-System für den Einsatz im Umgang mit Gefahrstoffen. Einerseits können Unternehmen dank der stromsparenden Bluetooth-Low-Energy-Technologie (BLE) die Sender mit einer einzigen Kraftzelle jahrelang betreiben. Andererseits ermöglichen es die Sender, einen Empfänger auf wenige Zentimeter genau zu lokalisieren, auch innerhalb von Gebäuden, was ein großer Vorteil gegenüber GPS-basierten Systemen ist.

Für den Aufbau eines iBeacon-basierten Gefahrstoffsystems ist folgender Ablauf denkbar: Die Verantwortlichen statten alle relevanten Bereiche des Unternehmens flächendeckend mit diesen Sendern aus. Darüber hinaus stellen sie Mitarbeitern eine Anwendung zur Verfügung, die die Kommunikation mit den iBeacons übernimmt. Diese App registriert, welchem Bereich und mit welchem Gefährdungspotenzial sich der Mitarbeiter nähert.

Je nach Arbeitssituation und Anwendungsgebiet kann das eine App für ein Smartphone oder ein Tablet sein. Denkbar ist aber auch der Einsatz von Brillen mit Displays, smarten Kopfhörern oder Terminals. Unabhängig vom Endgerät ist der Ablauf immer gleich. Das System identifiziert den Ort mit seinem Gefährdungspotenzial und gleicht die vorhandenen Informationen mit dem individuellen Schulungsstand des Mitarbeiters ab. Erkennt die Software, dass wichtige beziehungsweise aktuelle Informationen für den sachgemäßen Umgang mit dem Gefahrstoff fehlen, weist sie durch ein optisches oder akustisches Signal darauf hin und stellt dem Mitarbeiter diese Informationen zur Verfügung. Er muss bestätigen, dass er die Informationen zur Kenntnis genommen hat, und kann seine Arbeit sicher fortsetzen.

Auf der sicheren Seite

Für Unternehmen, die mit Gefahrstoffen arbeiten, kann so ein iBeacons-Konzept ein wichtiger Anstoß für die Umsetzung digitaler Initiativen sein. Denn die für den Einsatz notwendigen technischen und organisatorischen Grundlagen – unter anderem der Aufbau beziehungsweis der Erwerb einer Datenbank mit den relevanten Gefahrstoffinformationen sowie die digitale Dokumentationen von Schulungen – sind für Firmen ein Auslöser dafür, vorhandene Prozesse zu überarbeiten und zu modernisieren.

Lohn für diese Mühen der Vorbereitung ist ein durchgängig digitales Arbeitssicherheitskonzept, das auf den Zentimeter genau die Informationen zur Verfügung stellt, die Mitarbeiter für die sichere Arbeit benötigen. Alle Seiten, Unternehmen und Mitarbeiter, profitieren von diesem lückenlos organisierten und dokumentierten Prozess.

Mit Hilfe moderner Technologie, unterstützt durch Sensorik und mobile Endgeräte, können mögliche Gefahren erkannt und so wichtige Informationen beziehungsweise Warnungen zum Gefahrenstoff und der Arbeitssicherheit dem Arbeitnehmer direkt zur Verfügung gestellt werden. Arbeitssicherheit wird so neu, digital und durchgängig gedacht.

Autorin: Emily Andreae, verantwortlich für die strategische Geschäftsfeldentwicklung des Health-Bereichs bei der adesso Group.